Tate Modern goes Pop Life
London ist vollgepostert mit einem süßen kleinen silbernen Ballonhasen, das Aushängeschild für die derzeitige Pop Life Ausstellung in der Tate Modern, die sich am Fuße der Milleniumsbridge, gegenüber der St.Paul’s Cathedral und neben dem Globe Theatre befindet. Eine ehemalige Fabrik erstaunt die Tate Modern immer wieder aufs Neue mit ihrem imposanten Turm und ihrem fantastisch geräumigen und lässig betonenem Innenleben. Die Rampe hinunter zur Ticket-Kassa schreite ich jedes Mal wie ein Diva, die von Paparazzi verfolgt wird, hinab. Apropos Paparazzi, heute steht bei mir die Pop-Ausstellung am Plan.

Im Eingangsbereich, dort bevor einem die Tickets zerissen werden, poppen einem gleich nochmal das silberne Häschen ins Auge, daneben eine Kopie einer Tracey Emin Patchworkdecke und dann noch ein Takashi Murakami-Mangacomic mit barstendem Bikini-Oberteil. Das Ticket entzweit schreite ich in den ersten Raum des Poplebens. Da war er dann auch prompt, der zum Angreifen nahe Jeff Koons-Hase, kleiner als geahnt, so in etwa wie die ebenfalls popfamose Mona Lisa. Als ich meinen Blick geblendet von der Herzigkeit dieses putzigen Objekts schweifen lasse stoße ich dann auch gleich auf den Popstar schlechtin, vor meinen Augäpfeln tat sich ein in rot getunchtes Andy Warhol – Selfporträt auf. Es handelt sich um jenes weltberühmte Bild, auf dem Warhols silberne Perücke stylisch verwurschtelt in alle Richtungen steht. Einen Raum weiter gab es an die Wand gereihte Glasvitrinen zu inspizieren. Zu bewundern waren viel interessantes Kleinszeugs, so Kram wie etwa Vintage-Ausgaben des Warhol-Magazins “Interview” (ein Magazin, das ja immer noch existiert und welches ich immer wieder mal mit Vergnügen verschlinge) oder auch Werbekampagnen mit Warhol als Model. Folgender Werbespruch weckte meine Aufmerksamkeit besonders stark: “A face is like a work of art. It deserves a great frame.” Für mich fasst dieser Spruch das Popimage, das ja für immer und ewig als meist etwas Junges und Schönes festgehalten werden soll, perfekt zusammen. Besonders erquickend fand ich auch eine Fotoreihe, auf der man Keith Haring beim Bemalen des Körpers von einer weiteren Popikone Grace Jones zuschauen konnte. Seine verschlängelte, in der New Yorker Graffitimalereieszene enstandenen, Signaturmalerei wirkt einfach fantastisch auf Jones’ Robocopbody. Apropos Keith Haring, einer der Ausstellungsräume stellte eine Replikation des originalen New Yorker 1980er “Pop Shop” dar. Umgeben von den Haringschen Wellenlinien befindet sich das weltberühmte (auf Tassen, Taschen oder auch T-Shirts vermarktete) ”radiant child”. Von der Elite wird Haring oft mit Ekel betrachtet, weil er deren Meinung nach die Grenze zwischen Kunst und Kommerz überschritten hat, aber das ist es, was POP so spannend, diese Widersprüchlichkeit.

Beim im nächsten Room ausgestellten Toyboy handelte es sich um den Berliner Punk-Künstler Martin Kippberger. Seine in schwarz, braun, grau gehaltenen Bilder strahlten eine attraktiv dadaistische Atmo aus. Seine Paris-Bilderserie vermittelt eine BeatGeneration-dunkle Liebe des Künstlers zu einer Stadt der melancholischen Liebe.
Dann ging es weiter durch eine “Nicht unter 18 Jahren”-Sektion, in der Cosey Fanni Tutti mit ihren “Prostitution”-Selbstporträts dem Hugh Hefner-Imperium Konkurrenz macht, Mit ihren schamlosen Entblätterungen machte sie in den 70ern Schlagzeilen, wodurch sie wiederm zum Popstar mutierte. Die Vagina Monologe von Cosey Fanni Tutti hinter sich stößt man auf einen Raum, in dem Zwillinge eine Kunstzeitung unter jeweils einem bunten Punkte-Bild von Damien Hirst lesen. Der Pophirsch Londons ist ja auch ohne Zweifel ein süßer Hase. Sein weibliches Gegenüber stellt nicht nur in der Realität sondern auch hier in diesem Raum mein derzeitiges absolutes Vorbild in der Artworld Tracey Emin dar. Zu sehen ist eine große von ihr zusammengeflickte Patchworkdecke mit dem Titel “Hotel International”. Bei Emin hat wie bei Tutti Pop etwas mit Sexualität zu tun, aber nicht in dieser plumpen Offensichtlichkeit, sondern auf einer geblümten psychologisch dunklen Art und Weise. Bei Emin geht es meist um ihre ehemaligen Liebhaber und den das Leben stets begleitenden Weltschmerz. Wobei Emin dabei nie eine gute Prise Humor fehlt, so dreht sich die Patchworkdecke um folgenden zentral aufgestickten Spruch: “You’re good in bed”. Besonder raffiniert fand ich auch kleine neonfarbene in das Kunstwerk integrierte Stoffstückchen, die wie Post-Its aussahen. Sie offenbarten folgendes: “We’re going to get married in Las Vegas, we will drive across America and have an honeymoon in the Caribbean.” Die Protagonisten der “Hotel International”-Decke waren CRAZY TRACEY und SENSIBLE LUCAS, klingt nach Yin und Yang, fabelhafte Idee, mein Highlight einer Ausstellung, die durchgehend ein Highlight darstellt. Denn gegen Ende der Ausstellungsräumlichkeiten gab es dann noch zwei Oberknüller aufs Auge. Und zwar Damien Hirst und Takashi Murakami. Bei Hirsts Kunstwerk “Memories of Moments of you” handelt es sich um eine Glasvitrine voller weiß funkelnder Diamanten, überhaupt nicht übertrieben. Aber es ist diese subversive Arroganz, weswegen wir Hirst und selbst seine ausgestopften vergoldeten Tierkörper einfach fantastisch finden. Neben der Glasvitrine glitzert ein weiteres kitschiges Motiv ins Auge, ein goldenes Bild mit in gold getunchte integrierte Schmetterlinge. Der Titel “The Kiss of Midas”. Eine Mummy neben mir erklärt ihrem etwa fünfjährigen Sohnemann: “Weißt du, warum dieses Bild ‘The Kiss of Midas’ heißt? Weil Midas ein griechischer König war, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte”. Ein anderes Kind, ein rosarot bekleidetes Mädchen mit langen blonden Haaren, fragt ihre Mummy, wie Hirst das kleine weiße Kalb mit den dekadent vergoldeten Hufen getötet hat. Aber, meine Kleine, so wird das Kalb für immer jung und schön bleiben. So wie die für immer in goldenem Glanz gebetteten Schmetterlinge. Weil als im Rahmen Gefangene entkommen sie dem natürlichen Zyklus des Todes.

Der Rausschmeißer der Ausstellung bildet eine audovisuelle Glanzleistung des japanischen Popkünstlers Takashi Murakami. Murakami ist von Kunst bis zur Mode voll im Game. Hat er doch etwa vor ein paar Saisonen die Louis Vuitton-Taschen mit lachenden rosaroten Comicblumen aufgepeppt. Weiters kollaborierte er mit Converse und mischt auch die Musikwelt auf, als er etwa das Cover eines “Kanye West”-Albums mit einem braunen süßen Bär veredelte, der Sneaker und eine Blingbling-Kette trug. In der Ausstellung ist eine Plastikstatue dieses selbigen Bären zu bewundern. Wie auch ein von Murakami produziertes Musikvideo, das auf einem Flatscreen im Loop-Modus dem Publikum wieder und wieder und wieder vorgespielt wird. Die Schönheit dieses Poprahmens ist der Hollwood Kinderstar Kirsten Dunst, verkleidet als eine japanische Mangaprinzessin, mit blauer Perücke, einem rosaroten Tüllrock und rot glitzernden Plateauheels. Das 2009 produzierte Video mit dem Titel “Akihabara Majokko Princess” zeigt Dunst als Comicheldin mit einem Lutscher im Mund und folgende Worte hauchend: “I’m turning Japanese, I really think so”. Ein bisschen so wie Gwen Stefani mit ihren Harajuku Girls gibt sich Dunst ein Stelldichein mit japanischen puppenhaft herzigen Japanerinnen, und tanzt durch die digital fantastische Welt des Pop…auf immer und ewig.















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